Landhaus: Klasse 10+

 

Fabrikantenvilla und Landhaus – Das Haus Schminke im industriellen Kontext

Im März 2012 konnten wir mit der 12. Klasse der Waldorfschule Dresden unseren neuen Projektbaustein “Fabrikantenvilla und Landhaus” einweihen. Nach dem erfolgreichen Konzept “Lichtschiff und Nudeldampfer” für Schüler der Klassen 4-6 wurde die Bauexpedition in Löbau damit für ältere Schüler erweitert. Das Grundgerüst des Konzepts mit den drei Phasen: Sehen – Verstehen – Zeigen wurde auch für das neue Projekt beibehalten. Für die einzelnen Phasen haben wir neue Aufgaben und Inhalte entwickelt, die mit den Vermittlungsmodulen des bestehenden Bausteins “Lichtschiff und Nudeldampfer” kombiniert werden können, um weitere Altersklassen zu bedienen.

Die Anreise der Schüler nach Löbau von außerhalb gab uns die Möglichkeit, bereits auf dem Weg Hinweise auf die industrielle Vergangenheit der Region aufzuspüren. Der eigentliche Projektbaustein im Haus Schminke wurde deshalb durch einen weiteren Teil erweitert, welcher sich unabhängig vom restlichen Projekt wiederum aus den drei oben genannten Phasen zusammensetzt.

Die Suche nach Industriearchitektur
Die Linie der ehemaligen “Sächsisch-Schlesischen Eisenbahn” verläuft in Teilstücken entlang der Via Regia, einer wichtigen mittelalterlichen Handelsroute.

SEHEN:
In der ersten Phase fotografierten die Jugendlichen Industriearchitektur entlang der Bahnlinie aus dem Zug heraus. Es standen Ihnen dazu außer einer Streckenkarte keine weiteren Informationen zur Verfügung. Inhalt dieser Phase waren zunächst das aufmerksame Beobachten und Festhalten der gefundenen Gebäude mittels Fotoapparat sowie das Eintragen der Objekte auf der Streckenkarte.

VERSTEHEN:
Die darauf folgende “Verstehen”-Phase beinhaltete die Recherche eines beliebigen fotografierten Industrieareals aus der “Sehen”-Phase. Herauszufinden waren nach Möglichkeit die Bauzeit, die ursprüngliche Nutzung, andere spätere Verwendungen sowie der Zustand und die Nutzung heute. Die Recherchemethoden standen den Schülern frei, vielmehr war die Entwicklung einer guten Recherchestrategie Teil der Aufgabe. Aus den Ergebnissen sollten die Schüler schließlich ablesen, welche Industriezweige hier nahe der Eisenbahnlinie errichtet wurden. Die jeweiligen Nutzungsgeschichten gaben Aufschluss darüber, welche Produktionsstandorte den industriellen Wandel in der Region überstanden haben und welche grundsätzlichen Probleme sich aus den regionalen Veränderungen für die bestehende Architektur ergeben.

ZEIGEN:
Die Resultate wurden von den Schülern zwei Wochen später in einer eigenen Unterrichtseinheit präsentiert. Neben den Ergebnissen wurde vor allem analysiert und bewertet, welche der angewendeten Recherchemethoden erfolgreich und welche ergebnislos geblieben waren. Durch die kurze Bearbeitungszeit wurde um so deutlicher, wieviel Aufwand eine gründliche Recherche bei teilweise unklaren Besitz- und Zuständigkeitsverhältnissen macht.

Fabrikantenvilla und Landhaus
Der eigentliche Projektteil zum Haus Schminke fand vor Ort in Löbau statt.

SEHEN:
Analog zum Kinderprojekt “Lichtschiff und Nudeldampfer” wurde den Schülern in der Phase “Sehen” zunächst die Familien- und Baugeschichte der Schminkes und ihres Hauses präsentiert. Die zahlreichen Originalfotos aus dem Nachlass der Familie Schminke zeigten eindrucksvoll den Alltag der Familie in ihrem Haus und erleichterten das Erfassen der geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Anschließend wurden die Jugendlichen in zwei Gruppen durch das Haus geführt, wobei vor allem die architektonischen Details und deren Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben der Familie beleuchtet wurden. Beide Gruppen erfuhren durch die unterschiedlichen Rundgänge verschiedene Raumfolgen und wurden bereits in dieser Phase auf zahlreiche Sichtbeziehungen aufmerksam. Als besondere Erweiterung der Führungen konnte sogar die ehemalige Nudelfabrik der Schminkes in einem kurzen Rundgang besichtigt werden. Auch der neue Projektbaustein wurde durch ein gemeinsames Nudelessen ergänzt.

VERSTEHEN:
Für die zweite Phase waren fünf Gruppenaufgaben entwickelt worden. Durch die untschiedlichen Fragen sollten sich die einzelnen Gruppen jeweils mit ganz anderen Aspekten des Hauses und der Fabrik auseinandersetzen. Die Aufgaben beinhalteten zunächst die Analyse jeweils eines Sachverhalts an den beiden Objekten. Fortführende Fragestellungen ermunterten die Schüler im Anschluss zur Bewertung ihrer Analyseergebnisse und einer Interpretation der vorgefundenen Aspekte. Die Titel der Gruppenaufgaben lauteten:

1) “Modernität des Gebäudes” – ein Vergleich der Entwürfe von Lossow und Kühne von 1916 und Hans Scharoun von 1930 für das Haus Schminke anhand vorliegender Lagepläne, Grundrisse und Ansichten. Wie bewegt man sich in den beiden Häusern als Vater/Mutter/Kind/Dienstmädchen? Welche Aspekte machen das Haus Schminke ausgehend von den gewonnen Erkenntnissen besonders bedeutsam?

2) “Architektur nach außen: Sichtbeziehungen” – Analyse der ursprünglichen Sichtbeziehungen nach außen von den Fenstern des Hauses und den vorgesehenen Möbeln anhand der originalen Einrichtungspläne und einem bauzeitlichen Bebauungsplan der Stadt Löbau, fotografische Dokumentation des heutigen Zustands. Welche Sichtbeziehungen gibt es noch, welche nicht mehr, welche sind neu und welchen Einfluss hat das auf das Haus?

3) “Villa und Fabrik” – Dokumentation der baulichen Gemeinsamkeiten zwischen Haus und Fabrik sowie Analyse des heutigen Zustands der Fabrik im Vergleich mit originalen Aufnahmen aus der Nutzungszeit. Welche Details aus der Bauzeit sind noch erhalten? Welche Funktionen haben die jeweils gemeisamen Details, lassen sich Hinweise auf die jeweiligen sozialen Strukturen finden und wie stehen diese im Zusammenhang mit dem Haus und der Familie?

4) “Innenraumgestaltung und Mobiliar” – Analyse des Zustands der Inneneinrichtung anhand von Originalfotos und verschiedener Zeitungsartikel der letzten Jahre zur Inneneinrichtung. Welche Teile der Innenraumgestaltung waren speziell für das Haus geplant und sind noch erhalten bzw. konnten wiedergefunden werden? Welche Originale würdet ihr gerne wiederherstellen oder wiederbeschaffen? Bei welchen Teilen könnt ihr Euch vorstellen, dass das tatsächlich möglich ist und warum ist das bei einzelnen Details einfacher oder schwieriger?

5) “Der Architekt Scharoun” – Analyse und Vergleich weiterer Bauten von Hans Scharoun anhand von Grundrissen und Einordnung unterschiedlicher Besonderheiten in die Schaffensphasen des Architekten. Mit welchen Kategorien könnt ihr die vorliegende Auswahl an Scharoun-Bauten zusammenfassen und welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede ergeben sich? Wie lassen sich einzelne Details mit den erstellten Gruppen bzw. Kategorien verknüpfen? Fotografiert die Details, die ihr im Haus Schminke wiederfinden könnt und sucht nach einer Entwicklung über die unterschiedlichen Schaffensphasen Scharouns anhand dieser Details. Was bedeutet das für das Haus Schminke zum Beispiel im Hinblick auf seine Erbauungszeit?

ZEIGEN:
Teil aller Aufgaben war zusätzlich die Entwicklung einer guten Strategie für die Präsentation der Ergebnisse. Hier sollten neben den Informationen der Analyse auch die Interpretation der Ergebnisse und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen vorgestellt werden. Neben der fotografischen Dokumentation und der Bearbeitung des Planmaterials entstanden auch äußerst kreative Beiträge. Als Beispiel empfehlen wir Ihnen die Kurzgeschichte von Karolin Schluttig zur Gruppenaufgabe 1 “Modernität des Gebäudes”.

Das neue Projekt “Fabrikantenvilla und Landhaus” ergänzt die Bauexpedition in Löbau und bildet zusammen mit der Veranstaltung “Lichtschiff und Nudeldampfer” eine neue, zusätzliche Nutzung des Hauses in Form von Architekturtagen für Schüler. Beide Projekte generieren durch die Einbindung von Kindern und Jugendlichen und den jeweiligen Schulen zusätzliche Öffentlichkeitsarbeit, die dem Haus direkt zugute kommt.

Besonders stolz sind wird darauf, Ihnen in unserer Galerie auch einige Fotos von den teilnehmenden Schülern zu präsentieren.

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