Kurzgeschichte von Karolin Schluttig

 

Gruppenaufgabe 1: “Modernität des Gebäudes” – ein Vergleich der Entwürfe von Lossow und Kühne von 1916 und Hans Scharoun von 1930 für das Haus Schminke anhand vorliegender Lagepläne, Grundrisse und Ansichten. Wie bewegt man sich in den beiden Häusern als Vater/Mutter/Kind/Dienstmädchen? Welche Aspekte machen das Haus Schminke ausgehend von den gewonnen Erkenntnissen besonders bedeutsam?

Traum einer Hausherrin

Die Familie sitzt am Frühstückstisch, die Stimmung ist angespannt. Die Mutter lässt ihren Blick schweifen. Harald stochert wiedermal in seinem Essen herum. Genervt ermahnt sie ihn. Dann herrscht wieder eine erdrückende Stille im Hause Schminke. Der Vater springt auf, er muss zur Arbeit. Die Kinder verlassen das Haus.

Nachdem das Dienstmädchen den Tisch geräumt hat, entschließt sich auch die Mutter dazu, den dunklen Raum zu verlassen. Sie steht abrupt auf, wendet sich der Tür zu und durchquert mit schnellen Schritten das Zimmer. Durch die Tür, in die Diele, die Treppe hinauf, hinauf, hinauf. Sie reißt die Tür des Damenzimmers auf, flüchtet hinein und schließt sie wieder. Dann holt sie tief Luft. Ruhig, nur ruhig bleiben. Sie setzt sich an ihre Nähmaschine. Gleichmäßig wippt sie mit dem Fuß, bringt so die Nadel dazu, schneller, immer schneller in den Stoff einzudringen. Dann wird die Bewegung langsamer, ihre Muskulatur entspannt sich, sie richtet sich auf. Auf dem Balkon sitzen ein paar Spatzen. Sie betrachtet die wild umher flatternden Tiere. Die Sonne scheint in ihr Fenster. Das rattern der Maschine wird langsamer, immer langsamer. Ihr Blick immer verträumter.

Was muss das nur für ein Gefühl sein. So frei umher zu flattern. Ohne Ängste, ohne Sorgen. Die Sonne jeden Tag aufs neue bewundern zu können. Wie gerne wäre ich eine Schwalbe. Ich flöge weiter immer weiter bis aufs Meer hinaus, denn frischen Wind im Gefieder, die Augen tränend vom Salz des Meeres.

Ach was, Salz des Meeres, frischer Wind, unendliche Weite. Was für ein Unsinn.

Das Haus ist mein Käfig, und will ich eine Tür öffnen, treffe ich sogleich auf die nächste. Doch andererseits, was für ein Käfig müsste es sein, sich in ihm frei zu fühlen. Die Sonne auf seinem Leib zu spüren, als wäre nichts dazwischen, das wäre ein Anfang. Weniger Türen ein Gewinn. Ein Platz zum gemeinsamen Verweilen, Lebensfreude. Die Natur im Haus, pures Glück.

Doch, oh Trauer, oh Graus, es ist nur ein Traum – und nun ist er aus.

Karolin Schluttig, Klasse 12b, Waldorfschule Dresden, 2012